{"id":4484,"date":"2023-11-19T19:54:47","date_gmt":"2023-11-19T18:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/?page_id=4484"},"modified":"2024-07-16T01:00:17","modified_gmt":"2024-07-15T23:00:17","slug":"zum-stueck-und-zur-inszenierung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/produktionen\/der-menschenfeind\/zum-stueck-und-zur-inszenierung\/","title":{"rendered":"Zum St\u00fcck und zur Inszenierung (2024)"},"content":{"rendered":"<h3>Moli\u00e8re: Der Menschenfeind<\/h3>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/menschenfeind-probe-7.jpg\" width=\"300\"\/>\u00abDer Menschenfeind\u00bb von Moli\u00e8re ist ein Meisterwerk der dramatischen Weltliteratur. Das St\u00fcck, das schon bei seiner Urauff\u00fchrung im Jahre 1666 in Paris der Gattung \u00abKom\u00f6die\u00bb zugeordnet wurde, fand beim damaligen Publikum ein ged\u00e4mpftes Echo \u2013 heute ist es ein Evergreen des internationalen Sprechtheaters. Der anf\u00e4nglich m\u00e4ssige Zuspruch d\u00fcrfte damit zusammenh\u00e4ngen, dass das B\u00fchnenwerk zwar ausgesprochen komische Elemente, aber mit der Hauptfigur des Menschenfeinds Alceste auch eine tragische Schattierung enth\u00e4lt, die der Handlung eine komplexe Tiefe gibt. Entsprechend endet das St\u00fcck nicht mit einem Happy End, sondern l\u00e4sst, ausgesprochen modern, die Frage nach dem weiteren Schicksal des Titelhelden offen. Die Figur des Alceste, der an der Unaufrichtigkeit, Konformit\u00e4tsbereitschaft und Geltungssucht der Gesellschaft verzweifelt, ist zeitlos. Wie das Publikum fr\u00fcherer Epochen k\u00f6nnen wir uns auch heute mit ihr identifizieren und in ihrem Theaterportr\u00e4t Ursituationen der Beziehung von Mensch und Gesellschaft erkennen. Die geniale dramaturgische Pointe des Autors ist nun, dass unser Menschenfeind einer Person erotisch verfallen ist, die alles andere als seine Prinzipien teilt: der jungen, ehrgeizigen C\u00e9lim\u00e8ne, die es liebt, von diversen G\u00e4sten ihrer Party, w\u00e4hrend der das St\u00fcck spielt, begehrt zu werden und es nicht scheut \u2013 ja, sogar Spass daran hat \u2013, sich hemmungslos zu verstellen, um einen Sonnenplatz in der Gesellschaft, die das Sagen hat, zu ergattern. <\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/menschenfeind-probe-9.jpg\" alt=\"\" class=\"alignleft wp-image-2180 size-medium\" width=\"300\"\/>Wie in manchen guten Theaterst\u00fccken erhalten die Charaktere eine besondere Qualit\u00e4t durch ihre Widerspr\u00fcchlichkeit. Nicht nur bei Alceste, auch bei C\u00e9lim\u00e8ne oder Philinte, dem Freund Alcestes, gibt es ein \u00abEinerseits\u00bb und ein \u00abAndererseits\u00bb. So hat die junge Geliebte des Titelhelden nicht nur Spass an polyamoren Flirts, sondern liebt den Aussenseiter auch ganz aufrichtig; Philinte will ihn bis zum Schluss vor dem R\u00fcckzug in die Einsamkeit bewahren und ist zugleich ein kompromisslerischer Intellektueller, der sowohl f\u00fcr die radikale Haltung Alcestes wie f\u00fcr die heuchlerische Partygesellschaft Verst\u00e4ndnis zeigt und sich im Leben eine bequeme Komfortzone einzurichten versucht.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" class=\"alignright\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/menschenfeind-probe-15.jpg\" width=\"300\"\/>Die moderne \u00dcbertragung von Hans Magnus Enzensberger, die wir als Vorlage f\u00fcr unsere  Auff\u00fchrung verwenden, steht auf Augenh\u00f6he mit dem Geniestreich des franz\u00f6sischen Klassikers. Zur Zeit der Niederschrift im Jahre 1979 stellte der deutsche  Schriftsteller fest, er habe entdeckt, dass \u00abdie Party, die am Abend des 4. Juni 1666 auf der B\u00fchne des Theaters vom Palais-Royal begann, immer noch andauert\u00bb. Damit dies auch in unserer Zeit noch gelte, hat Regisseur Christian Seiler den Text da und dort angepasst und unter anderem die aktuelle Gender-Thematik in das St\u00fcck, in der die erotischen Beziehungen durchgehend heterosexuell determiniert sind, eingebaut. In seiner Inszenierung arbeit er zudem das Besondere der Beziehung von Alceste und C\u00e9lim\u00e8ne heraus, die von der Liebe eines nicht mehr ganz jungen Mannes zu einer jugendlichen Frau erz\u00e4hlt \u2013 wie sie der Autor Moli\u00e8re gegen\u00fcber der zwanzig Jahre j\u00fcngeren Armande B\u00e9jart empfunden haben mag (von der b\u00f6se Zungen damals behaupteten, sie sei die Tochter des Theatermannes), und die in eine eher ungl\u00fcckliche Ehe m\u00fcndete. Ein wichtiger Fokus der Inszenierung gilt der szenischen Vergegenw\u00e4rtigung des Widerstreits zwischen Gef\u00fchl und Verstand, welcher das St\u00fcck beherrscht \u2013 ganz im Sinne Arthur Schnitzlers, der einmal feststellte: \u00abGef\u00fchl und Verstand schlafen wohl unter einem Dach, aber im \u00fcbrigen f\u00fchren sie in der menschlichen Seele ihren v\u00f6llig getrennten Haushalt.\u00bb<\/p>\n<h3><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/menschenfeind-probe-20.jpg\" alt=\"\" class=\"alignright wp-image-2180 size-medium\" width=\"300\"\/>Ort und Zeit<\/h3>\n<p>Zeit: Die Gegenwart<br \/>\nOrt: C\u00e9lim\u00e8ne Haus. Abends. Es wird ein Fest gefeiert.<\/p>\n<h3>Wissenswertes<\/h3>\n<p>Originaltitel: Le Misanthrope ou l\u2019Atrabilaire amoureux.<br \/>\nUrauff\u00fchrung: 4. Juni 1666 im Theater des Palais\u2013Royal, Paris.<br \/>\n\u00dcbersetzung: Hans Magnus Enzensberger.<br \/>\nDeutschsprachige Erstauff\u00fchrung dieser \u00dcbersetzung: 1979.<br \/>\nRechte: Verlag der Autoren, Frankfurt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moli\u00e8re: Der Menschenfeind \u00abDer Menschenfeind\u00bb von Moli\u00e8re ist ein Meisterwerk der dramatischen Weltliteratur. Das St\u00fcck, das schon bei seiner Urauff\u00fchrung im Jahre 1666 in Paris der Gattung \u00abKom\u00f6die\u00bb zugeordnet wurde, fand beim damaligen Publikum ein ged\u00e4mpftes Echo \u2013 heute ist es ein Evergreen des internationalen Sprechtheaters. 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