{"id":1504,"date":"2016-12-18T23:58:32","date_gmt":"2016-12-18T22:58:32","guid":{"rendered":"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/?page_id=1504"},"modified":"2020-02-09T00:23:02","modified_gmt":"2020-02-08T23:23:02","slug":"zum-stueck","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/produktionen\/geschlossene-gesellschaft\/zum-stueck\/","title":{"rendered":"Zum St\u00fcck &#8222;Geschlossene Gesellschaft&#8220; (2017)"},"content":{"rendered":"<p>\u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c (<i>Huis clos<\/i>) ist eines von Jean-Paul Sartres bekanntesten und erfolgreichsten Theaterst\u00fccken. Uraufgef\u00fchrt 1944 in Paris und seitdem mehrfach verfilmt, steht es bis heute weltweit auf vielen Spielpl\u00e4nen und geh\u00f6rt sogar zum Schulstoff.<\/p>\n<blockquote><p><i>K\u00f6nnen<\/i><i> Garcin, der Neurotiker, Estelle, die einf\u00e4ltige Sch\u00f6nheit, sowie die verbittert-scharfz\u00fcngige In\u00e8s f\u00fcr immer zusammenleben, ohne sich andauernd zu qu\u00e4len? Die dramateure z\u00fcrich kl\u00e4ren diese Frage in einer humorvollen, erotisch verspielten Inszenierung.<\/i><\/p><\/blockquote>\n<div id=\"attachment_1498\" style=\"width: 370px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1498\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Garcin-diskutiert-mit-dem-Kellner.jpg\" alt=\"Auf Augenh\u00f6he: Garcin und der Kellner\" class=\" wp-image-1498\"\/><p id=\"caption-attachment-1498\" class=\"wp-caption-text\">Auf Augenh\u00f6he: Garcin und der Kellner<\/p><\/div>\n<p>Eine Art Hotelzimmer \u2013 ohne Fenster, ohne Bett, ohne Spiegel, aber mit elektrischem Licht, das nie ausgeht. Nach und nach werden drei Menschen, zwei Frauen und ein Mann, von einem geheimnisvollen Kellner in diesen Raum gebracht. Sie kennen sich nicht und haben sehr wenig gemeinsam, bis auf die Tatsache, dass sie tot sind. Sie glauben, dass sie das Zimmer niemals verlassen k\u00f6nnen; und mit der Zeit glauben sie, dass sie auf ewig dazu verdammt sind, unter den schonungslosen Blicken der Anderen zu leiden und sie im Gegenzug selbst zu qu\u00e4len. \u201eDie H\u00f6lle, das sind die Anderen\u201c \u2013 dieses ber\u00fchmte Zitat wird gern als ultimative Aussage der \u201eGeschlossenen Gesellschaft\u201c, wenn nicht gar als Kern von Sartres gesamtem philosophischem System verstanden. Aus dieser Sicht zeichnet das St\u00fcck ein negatives, bitterb\u00f6ses Bild des menschlichen Zusammenlebens. Sartres k\u00fchle, analytische Schreibweise f\u00fchrte mehrfach zu der Behauptung, die \u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c sei mehr Philosophie als Literatur und illustriere bloss die Thesen aus seinem Traktat \u201eDas Sein und das Nichts\u201c.<\/p>\n<h3>Unsere Inszenierung<\/h3>\n<div id=\"attachment_1498\" style=\"width: 290px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1498\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Estelle-spielt-mit-In\u00e9s.jpg\" alt=\"Spiel mit dem Feuer: Estelle mit In\u00e8s\" class=\" wp-image-1498\"\/><p id=\"caption-attachment-1498\" class=\"wp-caption-text\">Spiel mit dem Feuer: Estelle mit In\u00e8s<\/p><\/div>\n<p><i>Die dramateure z\u00fcrich<\/i> n\u00e4hern sich dem Text auf unvoreingenommene Weise \u2013 und entdecken in ihm einen Sinn und eine Tonart, die von den obigen Interpretationen weit entfernt sind. Die B\u00fchne ist ein kammerartiger Ort im Jenseits, voll mit den Attributen unterschiedlicher Religionen, eine Kerze in der Mitte. Kein endg\u00fcltiger Aufenthaltsort; vielmehr Zwischenstation. Auf so engem Raum muss jeder Versuch, in die Einsamkeit zu fliehen, scheitern. Die Figuren sind darauf angewiesen, in Beziehung zueinander zu treten und sich \u00fcber diese Beziehungen selbst zu erkennen. Regisseur Tobias Grimbacher geht es dabei nicht um ein grausames Opfer-Henker-Spiel, sondern um Sartres zentrale Denkfigur der Intersubjektivit\u00e4t, welche die Beziehungen zu anderen Menschen zum Grundstein der Pers\u00f6nlichkeit erkl\u00e4rt. Durch diese Sichtweise entfaltet der Text eine humorvolle und lyrische Note. Mit einem Mal wirken der eitle Neurotiker Garcin, die oberfl\u00e4chliche Sch\u00f6nheit Estelle und die verbittert-scharfz\u00fcngige In\u00e8s nicht mehr nur abstossend, sondern verletzlich, sehnsuchtsvoll, aufrichtig \u2013 menschlich. Am Ende sind sie \u201enackt wie W\u00fcrmer\u201c, genau wie Garcin voraussagte, aber in dieser seelischen Nacktheit k\u00f6nnen sie ihre Fehler \u2013 ja: S\u00fcnden \u2013 einsehen und akzeptieren; einander vertrauen, statt zu verletzen. Die H\u00f6lle, in der sich die Figuren w\u00e4hnen, ist nur ein Ergebnis misslingender Kommunikation.<\/p>\n<div id=\"attachment_1498\" style=\"width: 290px\" class=\"wp-caption alignright\"><img decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1498\" src=\"http:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/Liebespaar.jpg\" alt=\"Umschlungen: Garcin und Estelle\" class=\" wp-image-1498\"\/><p id=\"caption-attachment-1498\" class=\"wp-caption-text\">Umschlungen: Garcin und Estelle<\/p><\/div>\n<p>Der Regisseur reduziert damit den Spruch \u201e<i>L&#8216; enfer c&#8217;est les Autres<\/i>\u201c auf das, was er wirklich ist: keine universelle Feststellung, sondern lediglich die Aussage eines der Charaktere in einem bestimmten Augenblick. In anderen Momenten scheint das Verst\u00e4ndnis f\u00fcreinander auf, ein Funke von echtem Interesse, von Verlangen oder Mitleid \u2013 und zeigt, wie zwischenmenschliches Zusammenleben gelingen kann, symbolisiert durch die brennende Kerze. Als der Streit am heftigsten ist, geht die \u2013 vermeintlich verriegelte \u2013 T\u00fcr auf, aber selbst dann verl\u00e4sst niemand den Raum. Solange sich Garcin, Estelle und In\u00e8s aneinander abarbeiten, solange auch nur ein einziges Streichholz da liegt, um die Kerze wieder anzuz\u00fcnden, solange sie sich noch etwas zu sagen haben, bleibt Ver\u00e4nderung, Verbesserung, gar Erl\u00f6sung m\u00f6glich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eGeschlossene Gesellschaft\u201c (Huis clos) ist eines von Jean-Paul Sartres bekanntesten und erfolgreichsten Theaterst\u00fccken. 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K\u00f6nnen Garcin, der Neurotiker, Estelle, die einf\u00e4ltige Sch\u00f6nheit, sowie die verbittert-scharfz\u00fcngige In\u00e8s f\u00fcr immer zusammenleben, ohne\u2026 <a class=\"continue-reading-link\" href=\"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/produktionen\/geschlossene-gesellschaft\/zum-stueck\/\">weiter lesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"parent":1432,"menu_order":3,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-1504","page","type-page","status-publish","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/P49IFo-og","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1504","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1504"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1504\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2786,"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1504\/revisions\/2786"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/1432"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/dramateure.ch\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1504"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}